Mein Abend mit Joe und dem Blues – mit 62 Jahren, da fängt das Leben an….

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mein Held gestern Abend, das war ein alter weißer Mann, der wie ich und viele andere gestern in Düsseldorf beim Konzert der lebenden Blues-Legende Joe Bonammassa dabei war. Als mein Freund Stefan und ich mit geschätzt 4.000 Besuchern aus der Mitsubishi Electric Halle schlenderten, standen wir plötzlich im Gedränge hinter einem Mann – kein Witz – der langsam mit seinem Rollator den Veranstaltungsort verließ. Mit einem ROLLATOR! Im Rhytm & Blues-Konzert des smarten 44-jährigen New Yorkers, der mit einer E-Gitarre umgehen kann, wie wohl niemand auf der Welt nach Carlos Santana. Herausragend.

Ich kenne Bonammassa noch gar nicht so lange, habe noch nie einen Tonträger von ihm erworben, höre die Musik auch nicht im Auto. Aber als uns das Pressebüro der Tourneeveranstalter Informaterial schickte, war ich sofort Feuer und Flamme. Eigentlich wollte ich unserem 16-jährigen Sohn mitnehmen und ihm ein wenig den Blues nahebringen, seit ich ihn neulich ertappt hatte, wie er „Earth, Wind & Fire“ hörte und wohl annahm, das sei etwas ganz Neues. Naja, egal, als er erfuhr, dass Bonammassa über 30 Jahre als ist, winkte er gelangweilt ab. Ü 30 ist komplett durch, pflegt er bei solchen Gelegenheiten einzuwerfen, und ich denke dann insgeheim, hoffentlich weiß er, dass es ab Ü 60 wieder cool wird…

Bonammassa ist für Männer wie Stefan und mich ein Must-see. Wenn so einer in der Nähe auftritt, dann geht Mann da hin. Das ist wie bei den Rolling Stones.

Ich habe keine einzige Schallplatte oder CD der Stones jemals gekauft und höre es auch nicht bei Spotify mit Kopfhörer im Fitnessstudio. Aber wenn die Stones kommen, dann besorge ich Karten, selbst wenn ich sie teuer bezahlen muss. Alte weiße Männer, die oben auf der Bühne alles geben, obwohl sie eigentlich nach Luft japsen müssten. Ey, Keith Richards, der hat alles schon gesehen. Haben Sie mal aktuelle Fotos gesehen, wie alt und faltig der aussieht? Nein, wie alt und faltig er ist? Und dann geben Sie ihm eine Gitarre, und ab geht die Post.

Oder Mick Jagger – auch 78 Jahre jung – der hüpft und rennt zwei Stunden lang auf einen großen Bühne vor Zehntausenden, die ausflippen. Und es ist der Wahnsinn. Ich habe die Stones zwei Mal live gesehen in meinem Leben – einmal, als ich noch jung war, im Stadion in Köln-Müngersdorf mit meiner ersten großen Liebe. Und einmal nach der Einheit in Berlin-Weißensee mit meiner zweiten großen Liebe. Und dann in den Abendhimmel „I can’t get no satisfaction“. Ist jetzt auch nicht gerade das geeignete Lied an so einem…lassen wir das…

Aber ich sehe diesen explosiven Musikern gern bei der Arbeit zu. Live, so alle paar Jahre, wie wir gemeinsam älter werden. Die da oben, wir hier unten. Männer, Kerle, manche mit ihren Mädels um die 60, Handtasche am Arm, beim Headbanging. Gestern Abend in Düsseldorf, das war toll, das war so ein richtiges Männer-Ding. Pils aus dem Plastikbecher, Jungs mit Bierbauch und Bärten, schwarzen T-Shirts mit Metallica-Aufdruck auf dem Rücken oder mit Palmen und der orangefarbenen Aufschrit „The Sunshine State“ vorne drauf. Mal wieder einen Moment jung sein, so wie früher. In dem Menge zusammen zappeln, mitsingen, die Hände über den Kopf, und zu Hause dann die Sauerstoffmaske auf…

Und wissen Sie was: Es hat auch damit zu tun, dass diese grässliche Corona-Seuche vorbei ist, wenigstens jetzt mal ein paar Monate. Sicher geht es Ihnen ähnlich wie mir und meiner Familie. Endlich wieder rausgehen, unter Leute, ohne Maske. Nach zwei Jahren Einschränkungen und Vorschriften, raus in die Sonne. Vergangene Woche Stadion, am Wochenende davor Hochzeit meines Ältesten, gestern Abend der Bluesman Bonammassa.

Kennen Sie dieses Lied von Udo Jürgens? Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an? Ich weiß nicht, wie es mit 66 ist, aber mit 62 ist es im Moment wirklich lebenswert…

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.