Ministerpräsident Stefan Löfven: «Schweden ist angegriffen worden»

Das Tatfahrzeug (Bildmitte) steht im Eingangsbereich eines Kaufhauses in Stockholm. Foto: Andreas Schyman/TT NEWS AGENCY
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Stockholm – Nach Nizza und Berlin nun Stockholm: In der schwedischen Hauptstadt ist ein Mann mit einem Lastwagen in eine Menge gerast und hat mindestens vier Menschen getötet. 15 weitere wurden verletzt. Die Polizei geht von einem Terroranschlag aus.

Auch Ministerpräsident Stefan Löfven sagte, alles deute auf eine Terrortat hin: «Schweden ist angegriffen worden.» Der Täter konnte zunächst flüchten. Am Abend nahm die Polizei eine Person fest, «die Verbindungen zu dem Fall haben kann». Weltweit reagierten Politiker mit Bestürzung auf den Angriff.

Der von dem Täter offensichtlich gekaperte Lastwagen war kurz vor 15.00 Uhr an der Kreuzung der beiden Einkaufsstraßen Drottninggatan und Kungsgatan in eine Menschenmenge gerast. Anschließend fuhr er in ein Kaufhaus. Fernsehbilder zeigten, wie Menschen in Panik von der Straße flüchteten. «Ich habe Menschen gesehen, die mit einer Decke abgedeckt wurden», sagte eine Augenzeugin. «Viele um mich herum waren hysterisch», erzählte eine andere Augenzeugin im Fernsehen.

Am Abend bestätigte die Polizei auf einer Pressekonferenz die Festnahme eines Mannes. Er stimme mit Beschreibungen einer Person überein, die sich in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben soll, sagte ein Sprecher. Ob es sich aber um den Täter handelt, war zunächst unklar. Der Festgenommene habe sich in einem Laden auffällig verhalten. Deshalb sei eine Polizeistreife auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn festgenommen.

Der Anschlag weckt Erinnerungen an die Terrorattacken von Berlin und Nizza. Kurz vor Weihnachten 2016 hatte der 24-jährige Tunesier Anis Amri einen gekaperten Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz gelenkt und zwölf Menschen getötet. Im Juli 2016 raste der 31 Jahre alte Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel mit einem Lkw auf dem Strandboulevard in Nizza in eine Menschenmenge. 86 Menschen starben. Die Terrormiliz IS reklamierte beide Anschläge für sich.

Der Lastwagen gehört Medienberichten zufolge der Brauerei Spendrups. Ein Sprecher sagte einem Radiosender, der Fahrer habe gerade ein Restaurant beliefern wollen. Er habe hinten am Laster gestanden, um ihn aufzuschließen, als ein Maskierter vorne in die Fahrerkabine gesprungen und weggefahren sei. Der Brauerei-Fahrer habe vergeblich versucht, den Mann zu stoppen.

«Das ganze Land steht zusammen», sagte Ministerpräsident Löfven am Abend auf einer Pressekonferenz. Den Opfern und ihren Angehörigen sprach er Mut zu: «Ihr sollt wissen, dass ganz Schweden hinter euch steht.» An die mutmaßlichen Täter gerichtet sagte Löfven: «Ihr könnt nicht über unser Leben bestimmen. Ihr werdet niemals gewinnen.»

Die schwedische Regierung verstärkte nach dem Angriff die Grenzkontrollen des Landes. Die Polizei rief die Bevölkerung auf, nicht ins Zentrum Stockholms zu fahren. Die Sicherheitskräfte zeigten erhöhte Präsenz und bewachten besonders gefährdete Plätze im ganzen Land. «Es ist wichtig für uns, eventuelle weitere Angriffe zu verhindern», sagte ein Polizeisprecher. Medienberichte über Schüsse an verschiedenen Plätzen der Stadt bestätigten die Ermittler nicht.

Die Sicherheitskräfte riegelten wichtige Gebäude in der Innenstadt ab, darunter den Gebäudekomplex Rosenbad, Sitz der schwedischen Regierung, das Parlamentsgebäude und das Königsschloss. Die schwedische Regierung wollte noch am Abend zusammenkommen. Auch die Züge im Stockholmer Zentrum standen zwischenzeitlich still. Einige U-Bahnen fuhren am späten Abend sehr eingeschränkt wieder. Alle Kinos und viele Theater in Stockholm und Umgebung stellten ihr Abendprogramm ein.

Die Einkaufsstraße Drottninggatan war bereits im Dezember 2010 Ort eines Anschlags gewesen. Damals explodierte dort ein Auto, während sich fast zur gleichen Zeit an einer anderen Straße im Zentrum Stockholms ein 28-jähriger Schwede irakischer Abstammung in die Luft sprengte. Zwei Passanten wurden leicht verletzt.

Die Bundesregierung versicherte der schwedischen Bevölkerung ihre Solidarität. «Wir stehen zusammen gegen den Terror», erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reagierte erschüttert. UN-Chef António Guterres verurteilte den mutmaßlichen Anschlag: «Die Vereinten Nationen stehen solidarisch mit dem Volk und der Regierung von Schweden.»

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte in Brüssel: «Ein Angriff auf einen unserer Mitgliedsstaaten ist ein Angriff auf uns alle.» Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte: «Die Nachrichten, die aus Stockholm kommen, sind schrecklich.»

Russlands Präsident Wladimir Putin sprach Schweden sein tiefes Mitgefühl aus: «In unserem Land kennen wir die Grausamkeiten des internationalen Terrorismus nicht nur vom Hörensagen», hieß es in einem Schreiben Putins an den schwedischen König Carl XVI. Gustaf.

Das Auswärtige Amt riet Reisenden, vorerst in ihren Unterkünften zu bleiben. Sie sollten die Entwicklung der Lage über die Medien verfolgen und auf weitere Sicherheitshinweise achten, teilte die Behörde mit. Zudem solle den Anweisungen der Sicherheitskräfte unbedingt Folge geleistet werden.

Die schwedische Polizei schaltete eine Hotline für besorgte Angehörige frei. Sie können im schwedischen Telefonnetz unter der Nummer 11414 und der Direktwahl 9 die Polizei kontaktieren. Facebook aktivierte seinen «Sicherheitscheck». Nutzer in Stockholm können darüber Freunden mitteilen, dass sie in Sicherheit sind. Der Service war bei Terroranschlägen in den vergangenen Monaten immer wieder aktiviert worden.

Bildquelle:

  • Stockholm: dpa
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