von BERT STRIEMAN*
NEW YORK – Fast jeder, der damals lebte und bei Bewusstsein war, kann sagen, wo er sich aufhielt, als am 11. September des Jahres 2001 islamische Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des New Yorker World Trade Centers steuerten. Auch nach 25 Jahren ist die Erinnerung fast unverändert lebendig, wirken die Bilder noch immer so gespenstisch wie es bei so einem teuflischen Anschlag überhaupt nur sein kann.
Ich saß damals in meinem Büro im Planungsstab des Auswärtigen Amtes in Berlin, wohin ich erst wenige Wochen zuvor versetzt worden war. Den zweiten Einschlag in die Twin Towers konnte ich live am Bildschirm sehen. Beim ersten Aufschlag hatten manche Kollegen noch gemutmaßt, da müsse es sich um einen Flugzeugabsturz handeln, aber für alle Fälle schon mal das Fernsehen eingeschaltet.
Plötzlich in der Task Force
Der Planungsstab des Jahres 2001 unter Joschka Fischer war keine politische Kaderschmiede und schon gar keine Redenschreiber-Bude, er sollte vielmehr eine Mischung aus Think Tank und Task Force sein, bewusst unideologisch zusammengesetzt, auf Fachwissen statt auf Haltung gebaut. Eine Qualität, die sich unter den Nachfolgern des denkwürdigen ersten grünen Bundesministers des Auswärtigen dann schnell wieder verlor.
Wir durften seinerzeit Themen auch „gegen den Strich“ bürsten und nach Hintergründen fragen, die über den zeitlichen Horizont des Versetzungs-Rhythmus und der Legislaturperiode hinausgingen. Dazu gehörte es, dass der Planungsstab eine Vorlage an den Minister schrieb, die sich mit dem Thema „Religion und Politik“ befasste, was damals noch niemand so richtig ernst nehmen mochte. Vor allem aber – und zum großen Ärger der „Linienreferate“ und Fachabteilungen im Hause – wurde der immer neidisch beäugte Planungsstab auch noch mit der Koordinierung des Themas „radikaler Islam“ und „Krisenbogen“ beauftragt. Grund dafür war des Ministers Missfallen an einer unkoordinierten Flut von Einzelvorlagen, die in den Tagen nach 9/11 zum Thema Islam und Terror auf seinem Schreibtisch gelandet war.
Der Planungsstab wurde auch mit der Organisation der ersten Islamkonferenz des Auswärtigen Amts betraut, die dann allerdings erst am 14. Mai 2002 stattfand. Danach normalisierten sich die Arbeitsabläufe im AA langsam wieder, und alles floss in die gewohnten Bahnen zurück. In diesen acht Monaten nach dem 11. September hatte sich allerdings manch Erstaunliches ereignet.
Kriegsrhetorik statt Elfenbeinturm
Unvergesslich – und aus heutiger Sicht absolut surreal – waren die ersten Reaktionen auf den Anschlag, wohl gemerkt jene, die nach dem menschlichen Erschrecken und Entsetzen kamen.
Kaum mehr vorstellbar ist heute der alles mitreißende Drang zur „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA. Ein neues Stichwort war das für uns Bundesdeutsche der glücklichen Friedensdividendenzeit. Wie sich diese schrankenlose Solidarität – freilich fast nur in Worten – über Parteiengrenzen hinweg ausbreitete, das hatte fast schon etwas Rührendes. Niemand hätte sich gefragt, wie es in Joschka und Gefährten innerlich aussehen mochte, die doch den Amerikanern weiland noch ganz anders gegenübergestanden hatten. Aber das war alles wirklich wie weggewischt.
Auch in den internen Sitzungen nach 9/11 wogte die Aufregung ganz ungewöhnlich hoch, bis zu einem Punkt, der mir Unbehagen bereitete.
Anders als manche Kollegen am Besprechungstisch war ich immer schon ein echter „Transatlantiker“ gewesen, bin es im Grunde bis heute geblieben, auch wenn man das öffentlich kaum mehr sagen kann, um nicht von ganz links und ganz rechts zugleich geteert und gefedert zu werden (bisher noch im übertragenen Sinne). Aber der Überschwang hatte für mich etwas Ungesundes.
In deutlicher Erinnerung ist mir dabei, dass am Ende nur zwei Leute am Tisch skeptisch blieben – außer meiner Person, einem klassischen Konservativen, war da noch ein altlinker Freund aus dem Umfeld des jungen Joschka Fischer, der im Amt einen schlimmen Ruf hatte, obwohl er längst geläutert und ein vernünftiger Mann geworden war. Dieser nun, nennen wir ihn „Joschi“, und ich widersprachen dem Überschwang. Ich erinnere mich, dass wir vor allem gegen jene grassierende Rhetorik argumentierten, die die Amerikaner und damit auch uns „im Krieg“ sahen. Und dieses Unbehagen an den verbalen Fehlgriffen machte uns irgendwie zu Außenseitern.
Die verlorene Ehre des George B. Junior…
Die Geschichte und Nachgeschichte von Nine Eleven ist vielfach beschrieben und in unzähligen Bücher und Artikeln aufgearbeitet worden. Auch Zeitzeugen an allen nur denkbaren Orten haben sich schriftlich und mündlich bis zum Übermaß geäußert. Aber aus all dem Getöse und auch aus allem Framing und den zahllosen wissenschaftlichen Analysen bleiben ein, zwei besondere Punkte in Erinnerung, die in den letzten 25 Jahren irgendwie in Vergessenheit geraten sind, wegen der alles überwältigenden überholenden Kausalität dessen, was danach geschah.
Da ist einerseits das Verhalten von George W. Bush Jr. Es ist bekannt, wie er in einem Kindergarten die Nachricht erhielt, und wie er erst mal nicht so richtig zu reagieren wusste. Und danach redete und agierte er auch erst einmal behutsam. Das war aber kein Zeichen von Dummheit oder Schwäche. In den ersten Monaten waren die vielen Experten aus Politik, Wissenschaft, Think-Tank-Landschaft und internationalen Organisationen fast alle einer Meinung: Der Bush reagiert vernünftig!
Auch als längs alle wussten, dass die Quelle des Übels, das schwarze Herz der Finsternis, tatsächlich in Afghanistan gesessen hatte, war George Jr. noch nicht zum Krieg bereit. Er zögerte nicht aus Torheit, sondern weil er genau wusste, dass es ohne Invasion nicht ging, wenn man das Herz der Finsternis treffen wollte. Und eine Invasion wollte er nicht. Er hat sich dann bereden lassen, dass es ohne eine solche nicht geht; leider.
…und der Gang der Dinge
Vielleicht hätte die ganze Afghanistan-Geschichte auch ohne Katastrophe ausgehen können. Die ursprünglich Idee, nicht zuletzt von Dick Cheney, war ja gewesen, nur graduell und hilfsweise, mit minimalem Materialeinsatz, nur lokale Kräfte stützend, einzugreifen. Wäre nur nicht der Anführer der berühmten Nordallianz, der geniale Ahmed Shah Massud, von Islamisten ermordet worden… Aber so lernen wir, wie schnell plötzlich kein Halten mehr ist, wenn die Dinge sich entwickeln, und sie entwickeln sich immer anders als vermutet.
Alles längst Geschichte?
Aber zurück zu 9/11. In jenen Wochen und Monaten, auch in den zwei, drei Jahren danach blieb das Thema islamistische Gewalt für die Bundesregierung noch ein außenpolitisches, fast akademisches. Die Franzosen waren da schon weiter und versuchten eifrig, den Elefanten im eigenen Haus zu verkleiden. Das hielt nicht lange, denn die großen französischen Orientalisten erkannten schnell – und sprachen es aus – dass so eine Art domestizierter „Euro-Islam“ eine Chimäre sei.
Wir in Deutschland blieben aber noch etliche Jahre danach im Status der träumerischen Unbefangenheit dem Thema gegenüber. Uns ging das schon was an, na klar. Unsere Verbündeten und so, Freiheit am Hindukusch verteidigen etc. Aber so richtig ernst nahmen wir es nicht, aller vollmundigen Rhetorik der ersten Tage und Wochen zum Trotz. So als sei das alles nur ein Hollywood-Film gewesen…
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