BERLIN – Die Nachricht vom unerwarteten Tod des bayerischen Wirtschaftsministers und stellvertretenden Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger hat in ganz Deutschland für ehrliche Anteilnahme durch die politischen Lager hinweg gesorgt. Der streitbare Chef der Freien Wähler wurde gestern am frühen Abend leblos in seinem Zimmer im Hotel „Neuer Fritz“ in Berlin aufgefunden. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt (LKA) haben bisher keinerlei Hinweise auf ein Fremdverschulden. Stattdessen geht man von einer krankheitsbedingten Todesursache aus.
Aiwanger, der von Parteifreunden gern liebevoll „Hubsi“ genannt wurde, war in die Hauptstadt gereist, um feierlich das Hauptstadtbüro seiner Partei zu eröffnen und die bundespolitischen Ambitionen der Freien Wähler (FW) zu unterstreichen. Doch daraus wurde nicht mehr. Bereits am Vormittag fühlte er sich massiv unwohl, litt unter akuten gesundheitlichen Beschwerden und musste ein geplantes Interview sowie seinen Auftritt am Rednerpult schweren Herzens absagen. Während Parteikollegen ihn vor den geladenen Gästen vertraten, blieb Aiwanger auf seinem Hotelzimmer, um sich zu schonen.
Als er am späteren Nachmittag weder für den Bundesvorstand noch für engste Vertraute telefonisch erreichbar war, öffnete das Hotelpersonal auf Bitten von Parteifreunden schließlich das Zimmer im dritten Stock – und fand den Politiker leblos vor.
Mit Hubert Aiwanger verliert der Freistaat Bayern weit mehr als einen profilierten Ressortchef; es geht der schärfste und zugleich volksnahste Vordenker einer bürgerlichen Erneuerung von dieser Welt.
Seine Lebensleistung hat eng mit dem beispiellosen Aufstieg der Freien Wähler aus bayerischen Rathäusern und Kreistägen in die raue Bundes- und Landespolitik verbunden. Geboren 1971 im niederbayerischen Ergoldsbach, wuchs Aiwanger auf dem elterlichen Bauernhof auf – eine Prägung, die zeitlebens seinen politischen Kompass und seinen unnachahmlichen Redestil bestimmte. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften in Weihenstephan erkannte er schon früh das immense Potenzial kommunaler Wählergemeinschaften, die bis dahin im Ruf standen, sich ausschließlich um Vereinsheime und Kreisstraßen zu kümmern.
Aiwanger professionalisierte diese Bewegung, bündelte die ländliche Unzufriedenheit und führte die Freien Wähler im Jahr 2008 aus dem politischen Nirgendwo erstmals im Triumph in den bayerischen Landtag.
Wie unerschütterlich er in seiner bayerischen Heimat verwurzelt war, zeigte er auch auf internationalem Parkett
Legendär bleibt eine Anekdote aus dem Spätherbst 2019, als in der Münchner Residenz ein hochoffizielles Staatsbankett für eine Wirtschaftsdelegation aus Südkorea stattfand. Es sollte dabei um hochkomplexe Kooperationen im Bereich der Halbleiterindustrie und Technologieinvestitionen gehen. Das diplomatische Protokoll schreibt dafür eine steife, formelle Atmosphäre vor.
Doch Aiwanger verblüffte die Top-Manager und Diplomaten mit den Worten „Look here, that’s real Bavarian quality!“ und zeigte ihnen auf seinem Smartphone Fotos von seinem aktuellen Jagderfolg: einem stattlichen Wildschwein, das er selbst kurz zuvor in seinem niederbayerischen Revier erlegt hatte. Mit Händen und Füßen und seinem ganz eigen interpretierten Englisch dozierte er dann über die Vorzüge von Wildbret und die richtige Zubereitung einer Wildschweinsülze. Die anfängliche Distanz war umgehend verflogen. Die ausländischen Gäste waren von dieser absoluten Authentizität so fasziniert, dass die anschließenden Wirtschaftsgespräche so locker und erfolgreich verliefen wie selten zuvor.
Zehn Jahre nach seinem Landtagseinzug, im Herbst 2018, krönte Hubert Aiwanger sein Lebenswerk schließlich mit dem Einzug in die Münchner Staatsregierung als Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident.
In seiner geradezu historischen Rolle leistete Aiwanger einen entscheidenden, oftmals unterschätzten Beitrag zur jahrzehntelangen Stabilität des Freistaats.
Durch geschicktes Ausbalancieren und das strategische Halten der CSU-Dominanz fungierte er als politisches Sicherheitsventil. Er fing die konservativen, bürgerlichen und vor allem ländlichen Wählerschichten auf, die sich von den einstigen Großparteien nicht mehr abgeholt fühlten, und hielt sie verlässlich im demokratischen Spektrum. Dadurch bewahrte er Bayern vor den tiefen politischen Fragmentierungen und unübersichtlichen Koalitionsverhältnissen, die andere Bundesländer lähmen. Die bürgerliche Koalition aus CSU und Freien Wählern stand wie ein Fels in der Brandung, weil sich Aiwanger um die Sorgen der Handwerker, Landwirte und des Mittelstands erklennbar engagiert kümmerte.
Aiwanger ging keiner politischen Rauferei aus dem Weg
Seine politische Methodik war oft von Kontroversen und harten Debatten geprägt. Er konnte mit seinen Reden Bierzelet zum Kochen bringen und natürlich rutschte er auch immer mal in Skandalgeschichten wie die sogenannte „Flugblattaffäre“ im Sommer 2023.
Seine historische Leistung aber wird es bleiben, dem ländlichen Raum eine unüberhörbare und selbstbewusste Stimme gegeben und den Freistaat in einer Ära globaler Krisen wirtschaftlich politisch stabil gehalten zu haben. Aiwanger hinterlässt eine gewaltige politische Lücke, Bayern und die deutsche Demokratie trauern um einen aufrechten Demokraten und einen leidenschaftlichen Streiter für seine Heimat und den gesunden Menschenverstand.
Unsere tiefe Anteilnahme gilt seiner Lebensgefährtin Tanja Schweiger, seinen beiden Söhnen und seiner Familie.
Bildquelle:
- Hubert Aiwanger_3: bayerische Staatsregierung
