Verzerrte politische und mediale Wahrnehmung

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von THOMAS BRÜGMANN

BERLIN – Bis vor wenigen Monaten war die von „Schweden-Gretl“ bewegte „Klimajugend“ das Maß aller Dinge. Nach dem Vorbild der jungen Schwedin Greta Thunberg agierende und formulierende junge Menschen bevölkerten die Fernseh-Quasselrunden (auch Talkshows genannt) und zumindest einer von ihnen wurde sogar ein Sitz im Aufsichtsrat eines weltweit agierenden Technologiekonzerns angeboten. Sie lehnte aber ab. Auf dem Höhepunkt dieser Welle lobten sogar sonst eher wirtschaftsliberale Stimmen die von diesen Jugendlichen nachgebetenen antikapitalistischen Parolen als echtes politisches Engagement.

Es „engagierten“ sich, das weiß man heute, vornehmlich Schüler und Studenten aus den großen Städten und deren Speckgürteln. Weil sie mit recht zuverlässig funktionierenden öffentlichen Verkehrsmitteln aufwuchsen, fällt ihnen heute manche Kritik leicht. Die junge Friseurin auf dem Land hat dagegen ganz andere Sorgen – sie ist u. U. auf ein Auto und bezahlbare Benzinpreise allein schon für den Weg zur Arbeit angewiesen. Und der Umzug in eine verkehrstechnisch besser erschlossene Gegend dürfte mit einem Friseurinnengehalt in vielen Fällen unmöglich sein. Doch davon erfuhren wir aus den Medien so gut wie nichts. Denn mitdiskutieren durften fast ausschließlich die (weiblichen und männlichen) „Gretas dieser Welt“…

Die politische und mediale Wahrnehmung war und ist offenbar verzerrt

Eine Minderheit ist laut und die Mehrheit schweigt. Dies zeigt sich auch gut in der „Genderdebatte“. Dass es, rein biologisch betrachtet, nur zwei Geschlechter gibt, dürfte eine breite Bevölkerungsmehrheit für eine banale Feststellung halten. Doch wer dies öffentlich äußert, läuft Gefahr, dafür auf das Schärfste abgestraft zu werden, als „transphob“ deklassiert zu werden. Ist es wirklich so schlimm, wenn man sagt, dass jedermann im Bett und anderswo fast treiben können soll, was er oder sie möchte – sofern er damit keinen anderen belästigt, nicht zum Mitmachen auffordert, das ganze selbst bezahlt und die Medien endlich aufhören, den Sonderfall zum anzustrebenden Normalfall hochzujubeln?

Etwa gleichzeitig wählte der Deutsche Bundestag eine gewisse Ferda Ataman zur „Beauftragten für Antidiskriminierung“. Das ist jene Frau, die die Deutschen einmal als „Kartoffeln“ bezeichnete und damit durchblicken ließ, wie sehr sie die (Noch-) Mehrheit unseres Landes verachtet. Doch diese Unmöglichkeit ist nur eine fast belanglose Feinheit, wenn man das große Ganze, den Wandel von einer formierten zu einer fragmentierten Gesellschaft, betrachtet.

Die formierte Gesellschaft herrschte bis Ende der 1960er Jahre vor

Sie war weitgehend homogen, Minderheiten wurden ins Abseits gedrängt, wenn nicht gar kriminalisiert. Die Gesellschaft verstand sich damals sozusagen als „Einzeller“, bis eine „Zellteilung“ einsetzte, die in letzter Zeit noch einmal deutlich an Fahrt aufnahm. Gut ausmachen lässt sich dies am Beispiel der Homosexuellen, denen zunächst ein eigener Strafrechtsparagraph gewidmet war (§ 175 StGB) und denen heute eine Eheschließung möglich ist. Vielleicht war bzw. ist beides eine Form der Übertreibung, denn eine stark formierte Gesellschaft scheint genauso wenig erstrebenswert zu sein wie eine fragmentierte, in zahllose Kleingruppen zerfallene Gesellschaft.

Die deutschen Bürger reagieren auf diese Entwicklung sehr unterschiedlich. Viele haben andere – und gewiss größere – Probleme, als beispielsweise auf ein stets „gendergerechtes“ Leben zu achten. Und manche lehnen es auch aus fester Überzeugung ab, weil sie sozusagen an die „Kraft der zwei Geschlechter“ glauben. Es wird schließlich nur eine Minderheit sein, die eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau als grundsätzlich nicht erstrebenswert ansieht und die die Erwartung eines deutschen Rentners, nach 40 Beitragsjahren mehr Rente zu bekommen als ein gerade eben Eingewanderter, für verwerflich hält.

Dass man hier schnell Gefahr läuft, diese Minderheit für eine Mehrheit zu halten, liegt nicht zuletzt an der Penetranz und Lautstärke, mit der diese gewöhnlich aufwartet.

In den Augen mancher ausländischer Beobachter ist dies eine unfreiwillig komische Entwicklung. Je mehr man sich in den westlichen Staaten – allen voran Deutschland – bemüht, sämtliche Verästelungen des normalen und vielleicht auch anormalen menschlichen Lebens würdigend anzuerkennen, desto mehr schüttelt man in anderen Ländern mit eher formierten Gesellschaften jedenfalls den Kopf. Kurz und salopp formuliert darf man zusammenfassend feststellen, dass man uns und unser Land immer weniger ernst nimmt. Fast das Einzige, das man überall noch gerne nimmt, ist unser Geld.

In Berlin drängt die Gesellschaftspolitik der Ampelkoalition Tradition und Konvention gleichwohl noch immer weiter zurück. Eine Ehe wird kaum mehr als eine möglichst lebenslange „Verantwortungsgemeinschaft“ verstanden, und die beiden Geschlechter sollen sich am liebsten im Nebel der „geschlechtlichen Selbstzuschreibungen“ auflösen. Dabei wird zunehmend gerade jener Kitt brüchig, der unsere Gesellschaft bis jetzt zusammenhielt und ihre nach außen gerichtete Abwehrkraft stärkte. Es wäre verfehlt und fatal anzunehmen, dass die damit zwangsläufig einhergehende Schwächung unseres Landes nicht auch in beispielsweise Moskau und Peking längst bemerkt und aufmerksam registriert wurde.

Dipl. Ök. Thomas Brügmann
ist Herausgeber des Informationsdienstes „Vertrauliche Mitteilungen“ und Präsident des Bundes der Selbständigen, Landesverband Nordrhein-Westfalen, sowie der Bundesvereinigung mittelständischer Unternehmer

Bildquelle:

  • Milchglas_2: pixabay
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