Das „Neusprech“ des linken Zeitgeists durchdringt unaufhörlich alle Lebensbereiche in Deutschland

80 Prozent der Bevölkerung will es nicht - sie machen trotzdem weiter

von MARTIN EBERTS

ROM – Das Leiden an immer neuen „genderpolitischen“ Verrenkungen in unserer Alltagssprache scheint – gelegentlich anderslautenden Berichten zum Trotz – noch lange nicht nachzulassen. Dass dieses Thema kein besonderer Aufreger mehr ist, liegt nicht etwa an einem Rückgang des ideologischen Furors; vielmehr haben wir uns einfach nur an Vieles gewöhnt, was uns früher störte und zu Recht befremdlich erschien. Erst mürrisch, dann achselzuckend; nun fühlen wir kaum mehr etwas. Die endlosen, quälend repetitiven Doppelnennungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Besucherinnen und Besuchern, Castrop-Rauxelerinnen und Castrop-Rauxelern etc., gehören schon zu unserem Alltag, etwa so wie die abstoßenden Horrorfotos auf Zigarettenpackungen. Muss ja wohl sein; also am besten so tun als wäre nichts! Das alte Credo des Mitläufers…

Die Herrschaft des „Partizipiats“

Das Resultat dieser Entwicklung ist, dass selbst in privaten Gesprächen unter Freunden und Bekannten, sogar in der Familie die Qual des immerzu politischen Sprechens Einzug hält, ganz besonders übrigens durch den inflationären Gebrauch des Partizips. Die Herrschaft des „Partizipiats“ steht quasi vor der Tür! Man fühlt sich dann nie mehr ganz unter sich und nie mehr völlig unbeobachtet, selbst beim Fehlen jeder bösen Absicht der „Sprechenden“. Rede ich gedankenlos von „Teilnehmern“ oder „Studenten“, ohne dabei primäre Geschlechtsmerkmale vor meinem geistigen Auge zu haben, dann ist es wohl unvermeidlich, dass ich gebrandmarkt werde, als einer, der nicht tugendhaft redet. Nicht die irregeleitete Phantasie Anderer ist schuld, sondern ich bin es, der unangenehm auffällt, selbst wenn sich im Freundeskreis nur eine Minderheit aktiv der Gendersprache bedient.

Rechtsprech-Reform und ihre Folgen

Es ist ein wenig wie bei den verschiedenen nur halb gelungenen Rechtschreibreformen. Die schlimmsten Übertreibungen wurden noch heftig diskutiert, es gab Nachbesserungen und manches wurde gar freigestellt, vorübergehend, oder auf Dauer. Aber nach und nach haben wir uns an das Meiste gewöhnt. Drei „f“ in Worten wie „Schifffahrt“ – was ist schon dabei? Das gab es schon immer in der Schweiz. Also macht kein Drama daraus! Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung hat der Ästhet ohnehin manchmal die Möglichkeit einer Auswahl; er könnte ohne weiteres (auch ohne Weiteres) von „Schiff-Fahrt“ schreiben. Die Planierung von Fremdworten regt erst recht niemanden auf. Und wen juckt schon die Zeichensetzung?

So ist es auch mit der Gendersprache. Das leicht psychotisch wirkende Genderstammeln, bei dem ein ins Wortinnere verirrter Doppelpunkt beim Sprechen durch eine Art Knack- oder Würgelaut („Glottisschlag“) markiert wird, findet sich im fleißigen Gebrauch öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, bei strammen Haltungs-Journalisten und „woken“ Parteitagsrednern. Der einfache Mann auf der Straße, ebenso wie seine einfache Frau, macht so etwas Albernes nicht. Für ihn und für sie geht es beim Sprechen meist weniger um das aus den USA importierte „Virtue Signalling“, also das „seht-her-wie-gut-ich-bin“, sondern einfach um freie Kommunikation. Und bisher darf er das auch noch, und sie ebenfalls. Freilich könnte es geschehen, dass man es ihren Kindern in der Schule austreibt und ohne zu fragen den „Gender-Sprech“ aufzwingt.

Linguistic Downturn

Ob diese umfassende ideologische Bevormundung schon im „Linguistic Turn“ der Philosophie des 20. Jahrhunderts wurzelte? Und ob noch Derrida, Foucault und andere radikale Dekonstruktivisten ihre Finger im Spiel hatten?

Philosophie bleibt nicht folgenlos. Oder handelt es sich eher um schlichte, philosophiefreie Herrschafts-Tricks aus dem virtuellen Handbuch des totalitären Machtmenschen? Für letzteres könnte sprechen, dass die gedankliche Fundierung der diversen Gendertheorien doch recht dürftig ist und bestenfalls zu einer flüchtigen Verhüllung des rücksichtslosen Willens zur Macht taugt, den man bei ihren Verfechtern so oft findet.

Die ständige Fixiertheit auf sachfremde Themen und erfundene Probleme lenkt von ernsten Inhalten ab. Politiker und Journalisten, auch wohlmeinende und arglose (falls man ihnen in diesem Zusammenhang so etwas wie Arglosigkeit zugestehen kann) versündigen sich in der Sache, wenn sie z.B. nur noch von der „Verfolgung von Jüdinnen und Juden“ reden. Zumindest dieses eine Thema sollte wenigstens in Deutschland von der genderideologischen Ausschlachtung und Überfrachtung frei bleiben!

Hat jemals ein einziger Mensch bei gesundem Verstand gemutmaßt, bei Judenverfolgungen oder Christenverfolgungen in Antike und Gegenwart seien die Frauen wohl verschont worden? Wer in alles und jedes gewaltsam eine bestimmte sachfremde Botschaft mit hineinpressen will, der schändet nicht nur die Sprache, sondern auch die Sache, der er das aufzwingt.

2000 Jahre Irrtum geheilt?

Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht zumindest von milden und subkutanen Manipulationen betroffen wäre. Das geschieht oft unmerklich, peu à peu. So hören katholische Christen in Deutschland seit mindestens zwei Jahren im Gottesdienst keine Lesungen mehr aus dem „Brief des Apostels Paulus an die Römer“, sondern ausschließlich vom Brief des Apostels „an die Gemeinde in Rom“. Ist ja nicht falsch, kann man sagen, zu Recht sogar. Aber was ist passiert, dass nach zwei Jahrtausenden diese Texte verändert werden mussten? Dass man nicht mehr Römer, Korinther, Galater, Epheser etc. sagen darf?

An exegetischen Erkenntnissen lag es jedenfalls nicht. Auch nicht an Missverständnissen. Die Bezeichnungen der ehrwürdigen biblischen Lesungstexte wurden trotzdem kommentar- und erklärungslos geändert, ohne öffentliche Ankündigung, ohne Diskussion. Da hat man sich wohl vorauseilend dem Zeitgeist angepasst, furchtsam und klammheimlich, und keiner hat’s gemerkt…Wenn dem Zeitgeist schon solcherart geopfert wird, sogar im Raum der Kirche, dann ist Gefahr im Verzuge.

Mehr als Gender-Unfug

Für die Präzeptoren des Neusprechs scheint schon das Meiste gewonnen zu sein. Und dabei geht längst nicht mehr nur um „Gender“-Sprache. Man könnte jedes Jahr ein neues Wörterbuch der Ideologensprache verfassen, in dem schleichende semantische Veränderungen aufgezeichnet werden. Es ist – von bisher marginalen Randphänomenen abgesehen – ausschließlich die Sprache des linken Zeitgeistes, die unser Denken und Sprechen Tag für Tag manipuliert.

In der lateinischen Sprache bedeutet das Wort sinister (sinistra / sinistrum) nicht nur „links“, sondern, ausweislich des Eintrags in Georges Lateinisch-Deutschem Handwörterbuch, auch „verkehrt“ oder „widerwärtig“. Wehren wir uns gegen die sinistre Okkupation unserer Sprache, oder hören wir zumindest auf, uns weiter allzu willig an der Nase herumführen zu lassen!

 

 

Bildquelle:

  • GenderGaga: adobe.stock/studio v-zwoelf

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